Was die Broadcom-Übernahme tatsächlich verändert hat
Im November 2023 schloss Broadcom die Übernahme von VMware ab — der Deal über rund 61 Milliarden US-Dollar war einer der größten in der Software-Industrie. Was nach reiner Konzernarithmetik klang, hatte für die VMware-Bestandskunden binnen weniger Monate sehr konkrete Folgen.
Im Frühjahr 2024 wurde das Produktportfolio drastisch konsolidiert: Aus tausenden Einzelpositionen wurden im Wesentlichen zwei Bundles — VMware Cloud Foundation (VCF) und vSphere Foundation. vSphere Enterprise Plus und mehrere Add-on-Produkte wurden eingestellt. Parallel verschwand das Perpetual-Lizenzmodell vollständig. Wer heute neu kauft, kauft Subscription — mit Mindest-Core-Paketen (16 Cores pro Sockel) und mehrjähriger Bindung.
Aus Sicht vieler Mittelständler bedeutet das in der Summe: Renewals, die früher zwischen 5.000 € und 30.000 € im Jahr lagen, landen nun teils im sechsstelligen Bereich. Berichte aus dem Markt nennen Steigerungen vom Drei- bis Zehnfachen — abhängig von Bundle, Core-Anzahl und ausgehandelten Sonderkonditionen. Zusätzlich wurde das Reseller-Netz drastisch ausgedünnt; viele klassische Systemhäuser haben ihre Direktanbindung verloren.
Was viele übersehen
Renewal ist nicht optional: Wer das Subscription-Ablaufdatum verpasst, verliert nicht nur Support, sondern auch die Lizenz an sich. Bundle-Logik: Selbst ein klassisch genutzter vSphere-Cluster bekommt im neuen Tarif vSAN, NSX und Aria mitserviert — bezahlt wird das ganze Paket, ob genutzt oder nicht. Audit: Broadcom hat das aggressive Lizenz-Audit-Vorgehen aus dem CA-Erbe in die VMware-Welt mitgebracht; eigene Lizenz-Belegbarkeit ist wichtiger geworden als zuvor.
Wer trifft die Wahl — und wer hat sie nicht
Die Belastung verteilt sich ungleich. Großkonzerne mit Enterprise License Agreements (ELA) haben Verhandlungsspielraum, schließen langfristige Rahmenverträge ab und können Preissteigerungen über Volumina abfedern. Kleinst-Umgebungen mit einem oder zwei Hosts wechseln in der Regel ohnehin auf eine Microsoft- oder Cloud-Variante.
Am stärksten betroffen ist der klassische Mittelstand: Produktion, Maschinenbau, Handel, Gesundheits- und Bildungsträger — typischerweise drei bis fünfzig Hosts, 50 bis 500 Cores, ein eigenes Rechenzentrum oder Co-Location. Diese Häuser haben sich VMware in den 2010er Jahren als Quasi-Standard etabliert, hatten einmalige Perpetual-Lizenzen mit überschaubarem Support-Vertrag und stehen nun vor Vervielfachungen, die das Jahresbudget der IT-Abteilung sprengen.
Die Alternativen im Überblick
Der Markt hat reagiert. Nach Jahren, in denen VMware konkurrenzlos schien, gibt es 2026 mehrere ernsthafte Alternativen — jede mit eigenem Profil:
Proxmox VE
Open-Source-Plattform auf KVM/QEMU- und LXC-Basis, betrieben von der Wiener Proxmox Server Solutions. Kein Lizenzzwang — der Quellcode ist frei nutzbar; kostenpflichtig ist nur das Subscription-Modell für Enterprise-Updates und Support. Reift seit Jahren in Richtung Mittelstand: HA-Cluster, integriertes Backup, Ceph-Storage, Web-UI. Aktueller Favorit vieler Migrationsprojekte; geeignet für 3–30 Hosts.
Nutanix AHV
Hyperconverged Infrastructure (HCI) mit eigenem KVM-basiertem Hypervisor. Lizenz pro Knoten, geschlossenes Ökosystem, aber hochintegriert. Sinnvoll, wenn die Infrastruktur ohnehin auf HCI umgestellt werden soll oder Speicher-Hardware ersetzt wird. Investitionsintensiver, dafür wenig Eigenleistung beim Betrieb.
Microsoft Hyper-V
Windows-Server-Komponente, in der Datacenter-Edition mit unbegrenzten Gast-Lizenzen. Naheliegend in Häusern mit dominanter Microsoft-Welt; das System Center / Azure-Arc-Ökosystem ist mächtig, kann aber komplex werden. Lizenz-Kalkül: Hyper-V ist nicht kostenlos, sondern Teil der Server-Lizenz — TCO genau rechnen.
OpenStack / KVM
Für Service-Provider und sehr große, eigenbetriebene Clouds. Maximale Flexibilität, aber hoher Betriebs- und Personalaufwand. Für klassische Mittelständler nur selten die richtige Wahl — eher für Häuser, die Cloud-Services anbieten oder bereits ein DevOps-Team beschäftigen.
Public Cloud (Azure, AWS, Hetzner, IONOS)
Lift-and-Shift ist technisch jederzeit möglich, aber laufende Kosten dominieren die Rechnung. Kommerziell sinnvoll, wenn ohnehin eine Cloud-Strategie verfolgt wird oder die VM-Last stark schwankt. Achtung bei Datensouveränität: Bei US-Anbietern bleibt der Cloud-Act-Vorbehalt bestehen, deutsche Anbieter sind in Sachen Toolchain meist enger gefasst.
Migration realistisch betrachtet
„Plattform tauschen" klingt nach einem Wochenende mit Bier und Pizza. Die Realität sieht anders aus — auch wenn die Werkzeuge in den letzten zwei Jahren deutlich besser geworden sind.
- VM-Konvertierung — VMDK lässt sich mit
virt-v2v, dem Proxmox-Import-Wizard oder kommerziellen Tools wie Veeam direkt in QCOW2 oder VHDX überführen. Pro VM rechnet man mit 15 bis 60 Minuten Konvertierungszeit plus Boot-Test. - HA-Cluster-Äquivalente — Proxmox HA, Hyper-V Failover Cluster, Nutanix AOS — alle bieten Live-Migration, Failover und Quorum-Mechanismen. Konfigurationslogik unterscheidet sich, das Konzept ist ähnlich.
- Storage — vSAN ist nicht direkt portabel. Häuser, die vSAN nutzten, müssen entweder klassische SAN/NAS-Architektur (NetApp, Dell, HPE) reaktivieren oder über Ceph in Proxmox umsteigen. Aufwand: nicht trivial, aber lösbar.
- Backup-Brücken — Veeam unterstützt seit Mitte 2024 Proxmox als First-Class-Plattform, Nakivo und Vinchin haben mitgezogen. Bestehende Backup-Strategien überleben den Plattformwechsel in der Regel.
- Netz-Layer — NSX ist die kniffligste Komponente. Wer NSX produktiv nutzt, sollte den Wechsel sehr genau planen. Wer „nur" Standard-vSwitches betreibt, kann das mit Open vSwitch oder nativen Linux-Bridges meist 1:1 nachbilden.
- Personalaufwand — die häufig unterschätzte Position. Eigene Admins müssen geschult werden, ggf. Externe phasenweise hinzugezogen. Realistisch: 4–12 Personenmonate für einen Mittelstand mit 5–15 Hosts.
- Übergangs-Strategie — Brownfield-Parallelbetrieb über 3–9 Monate ist üblich: neue Plattform als Migrationsziel aufbauen, VM für VM verschieben, am Ende den VMware-Cluster abschalten.
TCO ehrlich gerechnet
Reine Lizenz-Vergleiche unterschätzen die Migrationsrechnung systematisch. Wer ehrlich rechnet, packt auf die Lizenzersparnis vier weitere Positionen drauf:
- Migrationsaufwand — einmalig: Beratung, Personalbindung, Übergangs-Hardware, Schulungen.
- Personalkosten im Betrieb — laufend: ein Proxmox-Cluster kann von einem geschulten Linux-Admin betreut werden, ein VMware-Cluster wurde häufig „mitbetreut" durch externe Dienstleister. Vergleichbarkeit prüfen.
- Hardware-Lebenszyklus — Plattformwechsel bietet die Chance, alte Hardware planmäßig durch neue zu ersetzen. Capex-Position, nicht Opex.
- Betriebsrisiko — neue Plattform = neue Lernkurve = mehr Tickets in den ersten Monaten. Realistisch einkalkulieren.
Ein konkretes Rechenbeispiel: Ein Mittelständler mit 3 Hosts, 96 Cores, 50 VMs zahlte vor Broadcom rund 14.000 € jährlich für Lizenz und Support. Das Renewal-Angebot lag bei rund 62.000 €. Die Proxmox-Variante kostet mit Subscription etwa 6.000 € jährlich — plus einmalig 35.000–55.000 € für Migration und Schulung. Die Amortisation tritt nach 12–18 Monaten ein, danach spart der Betrieb fünfstellig pro Jahr.
Sechs Kriterien für die Plattform-Auswahl
Wer den Wechsel angeht, sollte unabhängig vom konkreten Anbieter sechs Punkte sauber beantworten:
- Ökosystem-Reife — wie aktiv ist die Community oder der Hersteller-Roadmap? Wie viele produktive Installationen ähnlicher Größe?
- Hardware-Kompatibilität — werden vorhandene Server, NICs und Storage-Controller unterstützt? Pflichtcheck vor jeder Entscheidung.
- Backup- und DR-Integration — läuft die bestehende Backup-Strategie weiter, oder wird sie ebenfalls ausgetauscht?
- Personal-Know-how — sind die nötigen Skills im Haus, oder muss extern beraten und geschult werden? Über welchen Zeitraum?
- Hersteller-Unabhängigkeit — was passiert, wenn der neue Anbieter ebenfalls eines Tages übernommen wird? Open-Source-Basis schützt strukturell stärker als proprietäre HCI-Lösungen.
- Investitionssicherheit — Vertragslaufzeiten, Preisanpassungsklauseln, Exit-Optionen vorab schriftlich klären.
Fazit
Die Broadcom-Übernahme war für viele Mittelständler ein Weckruf: Die einst alternativlose Plattform ist es nicht mehr. Wer 2026 vor dem Renewal steht, sollte nicht reflexhaft unterschreiben, sondern kalt rechnen — und dabei mehrere Szenarien gegenüberstellen, statt nur die Verhandlung mit dem Bestandsanbieter zu führen.
Genauso wichtig wie die Zahlen sind belastbare Erfahrungswerte aus Häusern, die den Wechsel schon hinter sich haben. Welche Stolpersteine tatsächlich aufgetreten sind, was die Migration wirklich gekostet hat, wie der Betrieb nach 12 Monaten läuft — das sind die Fragen, die im Marketing-Material keiner Plattform vorkommen. Erfahrungsaustausch in der Branche ist hier mehr wert als jedes Whitepaper.